08. Juni 2017, Spiez

Liebe Spiezerinnen, liebe Spiezer
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste
Sehr geehrter Herr ehemaliger Grossratspräsident
Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Sehr geehrte Mitglieder des Grossen Rates und des Regierungsrates
Sehr geehrte Frau Gemeindepräsidentin
Soyez les bienvenus à Spiez! Es ist mir eine grosse Ehre und Freude Sie heute hier in Spiez zu begrüssen und diesen speziellen Moment mit Ihnen zu teilen. Der Bernische Grosse Rat hat mir am Dienstag das Vertrauen ausgesprochen und mich für ein Jahr zur Präsidentin gewählt. Dafür bedan-ke ich mich nochmals herzlich!

Die Aufgabe der Grossratspräsidentin ist es, die Beratungen des Grossen Rates zu leiten und den Grossen Rat im Kanton und auch ausserhalb des Kantons zu vertreten. Ich werde mich in den kommenden 12 Monaten be-mühen, diese Aufgaben zum Wohle des Kantons Berns und zur Zufrieden-heit der Bevölkerung zu erfüllen.
Ich bin der grossen Verantwortung für einen qualitativ hochstehenden Rats-betrieb sehr bewusst und denke, dass ich Dank meiner langjährigen Tätig-keit in der Geschäftsleitung der Krebsliga Schweiz sowie meiner Präsidien im Bereich der öffentlichen Gesundheit und nicht zuletzt Dank den Erfah-rungen als Grossrätin und Mitglied der GPK für diese Aufgabe gut gerüstet bin.
Dabei hoffe ich auch auf die Unterstützung meiner geschätzten Kolleginnen und Kollegen des Rates.

In Bezug auf die politischen Geschäfte steht uns ein bemerkenswertes Jahr bevor: Bemerkenswert weil wir Geschäfte vor uns haben, die die Regierung und das Parlament vor grosse Herausforderungen stellen. Ich greife ein wichtiges Thema heraus:
Der Regierungsrat ist daran, ein einschneidendes Sparprogramm zusam-menzustellen und dieses wird in der langen Novembersession beraten wer-den. Ein gut balanciertes, zukunftsgerichtetes Sparprogramm werden wir aber nur verabschieden können, wenn sich alle politischen Kräfte zusam-menraufen. Es wird die konstruktiven Kräfte in jeder Partei brauchen, lö-sungsorientiert zu politisieren und kompromissbereit zu handeln. Machtde-monstrationen werden uns nicht weiterhelfen, sie würden das politische Kli-ma verhärten und viele Kräfte blockieren, die für die Weiterentwicklung des Kantons Bern von grosser Bedeutung sind.
Entscheidend für die gute Zusammenarbeit von Parlament und Regierung ist der Dialog mit gegenseitigem Respekt. Franz Müntefering, ehemaliger deutscher Vizekanzler, sagte es einmal so: «Demokratie ist weder eine
Harmonisierungs – noch eine Machtveranstaltung. Sie ist Dialog.»
Ich bin zuversichtlich, dass wir die anspruchsvollen Geschäfte im kommen-den Jahr zum Wohle der Bevölkerung im Kanton Bern diskutieren und ge-nehmigen werden, weil wir im Grossen Rat des Kantons Bern im gegensei-tigen Respekt aufeinander zugehen und einen konstruktiven Dialog führen werden.
Politik ist auch Teamarbeit. Und wo liesse sich besser zeigen als in diesem schönen Schlosshof, wie auch ganz unterschiedliche Teamarbeit zum Erfolg führen kann:

Im Zentrum des Schlosses Spiez steht der mächtige Hauptturm. Dieser wurde in der Zeit um 1200 gebaut und besteht aus drei unterschiedlichen Zonen, die durch schwache gesimsartige Steinlagen voneinander getrennt sind. In der Mitte der mittleren Zone direkt oberhalb der Sonnenuhr gibt’s einen markanten Wechsel der Bauweise. Unten sind Kalksteine unter-schiedlicher Herkunft, Findlinge, roh zugehauene Schichtflächen, unberührt belassene Stoss- und Lagerflächen. Insgesamt sorgfältig aber nicht in re-gelmässigen Lagen verbaut. Weiter oben jedoch sind gleichförmige Quader aus Rauwacke, einem porösen aber harten Gestein, das hier auf der Schlosshalbinsel zu finden ist, eingesetzt.
Der Wechsel mitten im Turmbau ist nicht auf einen jahrzehntelangen Bau-stopp zurückzuführen, sondern ist als Jahresetappe und Equipenwechsel zu deuten. Das jüngere Team der wohl aus dem Süden zugewanderten Werk-leute baute modern und damit anders als die alte Equipe.
Mir gefallen beide Bauetappen gut – die kräftigere und wildere Bauweise im unteren Bereich und die gut strukturierte, geplante im oberen Bereich. Der Wechsel der Bauweise macht den Turm einzigartig und zeigt was unter-schiedliche Teams leisten können.
Übertragen auf die Politik meine ich: Wir dürfen getrost an der Struktur des Kantons Bern weiterbauen, denn die Equipen vor uns haben ein gutes Fun-dament gelegt, selbst da wo wir ein paar wilde Steine im Turm der kantona-len Gesetzgebung erkennen sollten. Wichtig ist, dass wir uns als Team ver-stehen und aus dem Gefühl der Verantwortlichkeit Entscheidungen fällen!
Und damit möchte ich Sie zum Schluss meiner Grussbotschaft gedanklich zu einem anderen Monument mitnehmen, das leider nicht gebaut wurde. Die Idee dazu hatte Viktor E. Frankl, der berühmte Neuropsychologe aus Österreich: Er rief dazu auf, dass die Freiheitsstatue an der Ostküste der USA durch ein Gegenstück ergänzt werden solle, nämlich der Verantwort-lichkeitsstatue an der amerikanischen Westküste!
Er sagte: „Freiheit ist nur der eine Aspekt und zwar der negative eines ge-samtmenschlichen Phänomens, der positive Aspekt ist Verantwortlichkeit. Freiheit muss gelebt werden aus einem Gefühl der Verantwortlichkeit her-aus – oder aber sie schlägt um in Willkür.“
In unserer Gesellschaft stehen die beiden Aspekte Freiheit und Verantwort-lichkeit oft nicht im Einklang zueinander. Unserer persönlichen Freiheit räu-men wir oft einen sehr hohen Stellenwert bei. Wie steht es aber um unsere Verantwortlichkeit? Allzu oft wird diese ausgeblendet. Doch erst wenn diese Balance zwischen Freiheit und Verantwortlichkeit gelebt wird, kann sich ein demokratischer Staat zum Wohle seiner Bürgerinnen und Bürger erfolgreich entwickeln.
Ich beobachte mit Sorge die zunehmende Anzahl Länder, zum Teil gar nicht weit weg von hier, in welchen wenige Mächtige das Land in Willkür und Ei-gensinn regieren. Und dabei das Wohl der Bevölkerung vernachlässigen oder sogar mit Füssen treten. Deshalb rufe ich sie alle auf, geschätzte Spie-zerinnen und Spiezer, Gäste, Kolleginnen und Kollegen des Grossen Rates, geschätzte Mitglieder der Berner Regierung mitzuhelfen, unser Erfolgsmo-dell der Schweizerischen direkten Demokratie in Balance zu halten: Bewah-ren unserer Freiheit im Einklang mit Verantwortlichkeit.
Ich freue mich auf das kommende Jahr!

Bevor wir den offiziellen Teil dieses Anlasses beenden, ist es mir ein gros-ses Anliegen, mich bei allen zu bedanken, die diese Feier möglich gemacht haben.

Der Stadt Bern für die Genehmigung des Ehrensalutschusses und der Ge-meinde Spiez für den schönen Empfang am Bahnhof und nun im Schloss-hof. Allen voran Frau Gemeindeschreiberin Tanja Brunner und den Mitarbei-terinnen und Mitarbeitern der Gemeindeschreiberei. Und dem OK mit Bruno Huwyler, der das Knowhow der beiden letzten Feiern in Thun mitgebracht hat, Vreni Landolt, die die guten Kontakte hat, der Rebbaugenossenschaft Spiez, insbesondere Hanspeter Zimmermann und Ursula Irion, die uns Schätze aus dem Weinkeller kredenzen, der Stiftung Schloss Spiez mit Barbara Egli, die es möglich gemacht haben, dass wir nicht nur hier sein können, sondern auch noch Kurzführungen im Schlosses machen können sowie dem ABZ, bzw. Sepp Zahner mit seinen Mitarbeitenden. Und ganz speziell bedanke ich mich bei allen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.

Beim ehemaligen Grossratspräsidenten Carlos Reinhard bedanke ich mich für das vergangene, gemeinsame Jahr und die freundlichen Worte.
Und bei Frau Gemeindepräsidentin Jolanda Brunner, Herrn Regierungsprä-sident Bernhard Pulver und Frau Fraktionspräsidentin Elisabeth Striffeler für die Ansprachen und die guten Wüsche.

Ein spezieller Dank gilt der Ehrenformation des Kantons Bern, dem Musik-verein Spiez, der Musikgesellschaft Einigen, den Tambouren und natürlich Vreni Blesi für die Moderation des Anlasses.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.